Wenn Papa an Heiligabend fehlt
Weihnachten in Scheidungsfamilien
Stuttgart – Für die einen ist Weihnachten das Fest der Liebe und Familie. Monika Richter (Namen aller Betroffenen geändert) erinnert der 24. Dezember vor allem an das “eigene Scheitern”. Seit drei Jahren ist die Mutter eines neunjährigen Sohnes geschieden. Im ersten Jahr hat sie mit ihrem Exmann gemeinsam gefeiert. Aus Liebe zu ihrem Sohn Florian wollten sie so tun, als wären sie noch eine Familie. “Ich habe gedacht, ich könnte es nicht ertragen, wenn ich alles herrichte und dann die Frage kommt: wo bleibt Papa”, erzählt die 38-Jährige. Doch der Abend habe alle drei überfordert. Es sei das schweigsamste Weihnachten ihres Lebens gewesen. So wollten sie nie wieder feiern, da seien sie sich einig gewesen. Aber wie wird man der neuen Situation am besten gerecht?
420.67 Geschiedene leben derzeit in Stuttgart. Lange nicht alle von ihnen haben aber Nachwuchs. Unter den 1218 Paaren, die sich 2008 scheiden ließen, sind beispielsweise 588 mit Kindern gewesen. Die meisten Scheidungsfamilien in Stuttgart, da ist man sich bei Jugendamt und Familiengericht einig, schaffen es, einvernehmliche Lösungen für die Feiertage zu finden. “Früher gab es mehr Streit”, sagt Wolf Andrée-Röhmholdt, der Leiter der Familienabteilung des Stuttgarter Amtsgerichts, das sich in diesem Jahr nur zweimal mit dem Weihnachtsumgangsrecht beschäftigen musste. Aber das heißt natürlich nicht, dass die Feiertage nicht belastend für die Eltern und die Kinder sind.
Eine Stunde Weihnachten feiern
“Man fühlt sich schrecklich”, sagt beispielsweise Robert Lahn, ein geschiedener Vater aus der Region Stuttgart. Das erste Weihnachtsfest in Scheidung erlebte er 2008: für eine Stunde durfte er seine damals zweieinhalbjährige Tochter an Heiligabend sehen. Während er versuchte, mit ihr zu spielen, schmückte seine Exfrau im gleichen Zimmer den Baum. “Meine Tochter hat immer zum Baum geguckt”, erinnert er sich und spricht von dem bitteren Gefühl, das er bekommt, wenn er Bilder von “perfekten” Familien sieht, die sich um den Weihnachtsbaum scharen, gemeinsam Lieder singen und hinterher Geschenke auspacken.
“Das Alleinsein tritt an den Feiertagen noch einmal stärker ins Bewusstsein”, sagt Dorothee Schif, die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Evangelischen Kirche Stuttgart, bei der Betroffene Rat suchen. Besonders Geschiedene litten in der Zeit rund um die Weihnachtsfeiertage oft unter dem Gedanken, dass “das Lebenskonzept, dass man als Familie ausfüllen wollte, nicht mehr erfüllt wird”.
Damit niemand alleine sein muss, organisiert der Landesverbandsvorsitzende vom Väteraufbruch für Kinder, Franzjörg Krieg, schon seit Jahren ein gemeinsames Weihnachtsfest von Betroffenen bei sich zu Hause in Bad Rotenfels. 15 Väter und Mütter treffen sich in der Regel, um den Abend gemeinsam zu verbringen. Beim Väteraufbruch Karlsruhe kämen in keinem anderen Monat so viele Anfragen wie im Dezember, sagt Krieg. Dazu passt eine Beobachtung aus der Psychologischen Beratungsstelle von Dorothee Schif: Heute belaste die Trennung von den Kindern die Männer mehr als früher – weil sie ihrer Vaterrolle stärker gerecht werden wollten.
Wie bei Michael Meyer aus Stuttgart, der sich die Erziehung seines Sohnes mit seiner Exfrau teilt. Eine Woche lebt der Sechsjährige bei ihm, eine Woche bei seiner früheren Partnerin. Der 45-Jährige ist selbst Scheidungskind, er weiß, wie das ist, wenn der Vater nicht präsent ist. “Ich habe heute kaum Kontakt zu meinem Vater, das soll bei mir einmal anders sein.”
Machtkampf unter Eltern
Vor zwei Jahren hat sich Meyer von seiner Exfrau getrennt, die Scheidung folgte 2008. Zweimal fiel Heiligabend bisher in die Mutterwoche, vergangenes Jahr in die Vaterwoche. Die Eltern trafen sich vor Gericht, weil Meyers Exfrau klagte.
Es komme immer wieder vor, dass Eltern einen starken Machtkampf führen “und der Konflikt auch zu Weihnachten nicht zu Ende ist”, sagt Wolf Andrée-Röhmholdt. Allerdings sei das die Ausnahme. Die Lösung der Meyers bewertet der Familienrichter als nicht ideal: Die beiden einigten sich darauf, dass der Sechsjährige den 24.Dezember bei der Mutter, die beiden Feiertage beim Vater verbringt. “Ich halte es für misslich, wenn Kinder aufgeteilt werden, das ist eine Belastung, ob es nun tageweise oder stundenweise geregelt wird”, sagt der Richter. Besser sei ein inzwischen immer weiter verbreitetes Modell: in dem einen Jahr feiert das Kind ganz bei der Mutter, im nächsten beim Vater.
So praktizieren es inzwischen auch Monika Richter und ihr Exmann Michael. In diesem Jahr verbringt Florian die Tage beim Vater. Monika Richter fährt zu ihren Eltern nach Hessen, Florian über Weihnachten in den Skiurlaub. “Ich werde ihn schrecklich vermissen, aber er freut sich, glaube ich, schon auf den Urlaub mit seinem Papa”, sagt Monika Richter.
Robert Lahn und Michael Meyer würden sich solch eine Wechsellösung auch wünschen, sagen jedoch beide, dass sie sich nicht vorstellen können, dass ihre Exfrauen dem jemals zustimmen würden. “Sie ist ganz fixiert auf Heiligabend”, sagt Michael Meyer. Er ist froh, dass er seinen Sohn immerhin an den beiden Weihnachtsfeiertagen sieht. Sollte seine Exfrau aber auch auf diesen Tagen bestehen, kündigt er schon jetzt an: “Dann klage ich.”
Quelle: stuttgarter-zeitung.de – 25.12.2009 – Von Viola Volland
Link zum Pressebericht: www .stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2329314_0_6587_-weihnachten-in-scheidungsfamilien-wenn-papa-an-heiligabend-fehlt.html























