Wenn Männer etwas schwanger sind

Über die Veränderungen, die die mit sich bringt, wurden Dutzende von Büchern und Abhandlungen geschrieben. Doch was passiert eigentlich – wissenschaftlich gesehen – mit den werdenden Vätern?
Um es gleich vorweg zu nehmen – ich mag Kinder. Sogar sehr. So sehr, dass ich mittlerweile immer häufiger mit dem Gedanken liebäugele, selbst Nachwuchs in die Welt zu setzen. Genau das ist der springende Punkt. Ich will nämlich wissen, was dann auf mich zukommt. Windeln wechseln, ständiger Schlafmangel, Pflaster auf aufgeschürfte Knie kleben, diskutieren, ob Elfjährige wirklich Designerjeans brauchen . . . schon klar. Aber das meine ich nicht. Mich treibt um, was mit mir geschieht, mit mir als Person. Anders formuliert: Werde ich als Vater ein anderer Mensch sein als heute?

Ja – zumindest wenn man den Bekenntnissen einiger Stars aus dem Musik- und Filmbusiness Glauben schenkt. Liam Gallagher, der wegen Schlägereien, Alkohol- und Drogeneskapaden legendäre Leadsänder der Rockband Oasis, zieht mittlerweile gemeinsame Unternehmungen mit Frau und den beiden Söhnen wilden Partys vor. „Ich liebe es, Zeit mit den Kindern zu verbringen und schwimmen zu gehen“, sagte er dem britischen „Mirror“.

Johnny Depp: langweilig, aber glücklich
Für Schauspieler Johnny Depp, einst ebenfalls alles andere als ein Engel, wie zahlreiche Affären und einige zertrümmerte Hotelzimmer beweisen, ist die Familie heute das Wichtigste im Leben. Früher wäre er ein „Trottel“ gewesen, jetzt sei er zwar „langweilig“, aber glücklicher, so der zweifache Vater. Auch dem kriminellen Dasein von Rap-Star 50 Cent hat erst Sohn Marquis die entscheidende Wende „zum Positiven“ gegeben.

Nun bin ich weder prügelnder Brit-Popper noch wegen Drogendelikten vorbestrafter Gangster-Rapper, sondern nur ein relativ normaler Mann im heiratsfähigen Alter. Ich mag ruhige Abende zu Hause, gehe aber ebenso gerne aus, auf ein Konzert, in die Kneipe oder einen Club zum Tanzen. Das kann dann mitunter länger dauern, und es darf auch mal das eine oder andere Bier mehr sein. Ein ganz normaler kinderloser Mann eben. So wie mein bester Freund Stephan. Beziehungsweise so, wie mein bester Freund Stephan bis vor drei Jahren. Da kam seine Tochter zur Welt und seitdem verlaufen unsere gemeinsamen Samstagabende anders als zuvor. Statt Bier gibt es Alster oder Bionade und spätestens ab eins plädiert er mit zunehmender Vehemenz dafür, so langsam die Segel zu streichen und den Heimweg anzutreten. Nicht weil er früh aufstehen muss – seine Frau befürwortet, dass er ab und an „auf den Putz haut“. Sondern weil er früh aufstehen will. „Dann habe ich mehr Zeit mit den Kindern“, lautet das Argument. Die beiden – vor einem Jahr folgte das zweite Töchterlein – dürfen sich glücklich schätzen, denn Stephan ist ein großartiger Vater. Er schmiert Brote, gibt das Fläschchen, baut Sandburgen, singt Schlaflieder und beantwortet mit Engelsgeduld die endlosen Fragen, die dreijährige Mädchen offenbar haben. Ich finde das toll – und wundere mich. Denn Geduld gehörte wirklich nie zu Stärken des Mannes, dem Hunde einst erklärtermaßen lieber waren als – O-Ton: „ständig quengelnde Blagen.“

Forschung interessiert sich nicht für Väter
Doch dies sind nur Beobachtungen eines mit ziemlicher Sicherheit voreingenommenen Betrachters. Harte wissenschaftliche Fakten müssen her. Die sind rar gesät, wie sich beim Durchforsten einschlägiger Datenbanken schnell herausstellt. Dort gibt es jede Menge Studien zu allen nur erdenklichen Veränderungen, die das Mutterglück mit sich bringen könnte: körperliche, psychische, hormonelle, soziobiologische, neurophysiologische . . . Für die Väter hingegen scheint sich die Forschung nicht zu interessieren. Ich dachte eigentlich, dass zum Kinderkriegen und idealerweise auch zum Aufziehen des Nachwuchses zwei dazugehören, doch einer der wenigen Recherchefunde, ein Übersichtsartikel, belehrt mich eines Besseren. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der sei, wenn überhaupt, dann nur eine „Möglichkeit zum besseren Verständnis mütterlichen Verhaltens“, weil man so „elterliche Verhaltensweisen in Abwesenheit von Schwangerschaft und Stillen“ untersuchen könne. Nicht gerade schmeichelhaft.

Dabei zeigt eine Studie, dass Männer, die Vaterfreuden entgegensehen, sogar selbst ein bisschen schwanger werden – zumindest in hormoneller Hinsicht. Anne Storey von der Memorial University of Newfoundland nahm 34 werdenden Elternpaaren vor und nach der Geburt wiederholt Blut ab und bestimmte darin die Spiegel der Hormone Cortisol, Prolaktin und Testosteron. Ergebnis: Nicht nur im mütterlichen Körper veränderten sich die Werte, was zu erwarten war, sondern auch im väterlichen. „Die Unterschiede sind bei den Frauen zwar sehr viel drastischer, aber das Muster ist bei den Männern ganz ähnlich“, sagt Psychologin Storey.

Cortisol beeinflusst väterliches Verhalten
Dass der Cortisolspiegel während der letzten drei Wochen vor dem Termin in ungewohnte Höhen klettert, überrascht wenig. Schließlich ist Cortisol das Stresshormon Nummer eins und der so lange ersehnte Sprössling sorgt schließlich auch bei dem Elternteil, der gar nicht gebären muss, für Anspannung. Prolaktin hingegen galt lange nur als „Milchbildungshormon“, das quasi als Nebeneffekt die mütterliche Bindung an den Nachwuchs fördert. Wie neuere Versuche zeigen, hat der Botenstoff aber auch Einfluss auf das väterliche Verhalten. Hemmt man bei Männchen von Tierarten, die sich normalerweise rege an der Aufzucht beteiligen, die Prolaktinsekretion, kümmern die sich kaum mehr um den Nachwuchs. Bei den Homo-sapiens-Männchen, die Anne Storey unter die Lupe nahm, stiegen die Prolaktinwerte um durchschnittlich 20 Prozent an. „Hormone aktivieren schon während der Schwangerschaft ein evolutionär tief verankertes Programm im Gehirn, nämlich das der aktiven Vaterschaft“, so ihr Fazit.

So weit, so gut. Was mir wirklich Sorgenfalten auf die Stirn treibt, ist Befund Nummer drei. Der lautet: Im Blut frisch gebackener Väter sinkt der Testosteronspiegel um 33 Prozent ab. Dreiunddreißig Prozent! Ein Drittel weniger von dem Hormon, das den Mann überhaupt erst zum Manne macht. Erst der Blick in den Methodenteil der Studie sorgt für ein wenig Beruhigung. Maximal sechs Wochen nach Babys Geburt haben die kanadischen Forscher die letzten Proben Papablut entnommen. Wäre ja möglich, dass sich der hormonelle Aufruhr irgendwann wieder legt.

Im Tierreich kümmern sich Väter kaum
Ich brauche Klarheit, einen Experten. Den erreiche ich über eine knackende Handyverbindung. Carsten Schradin weilt gerade im südafrikanischen Busch, wo er das Sozialverhalten von Striemengrasmäusen untersucht. „Striemengrasmäuse sind gute Väter, sie beteiligen sich sehr aktiv an der Aufzucht der Jungen.“ Der Forscher von der Uni Zürich hat Anfang des Jahres ein Buch veröffentlich. Titel: Die Biologie des Vaters. Nein, nicht nur aus persönlichem Interesse, wie er versichert: „Schließlich bekommen nicht nur die Frauen Kinder, sondern auch die Männer – und trotzdem gibt es so gut wie nichts darüber, was dann mit ihnen passiert.“ Ein Grund dafür sei, dass väterliche Fürsorge im Tierreich eher Ausnahme denn Regel ist, zumindest bei Säugern. „Meistens“, so Schradin, „geben die Männchen ihr Sperma und verschwinden.“ Nur bei etwa zehn Prozent der Arten bleiben sie und helfen, den Nachwuchs großzuziehen. So wie Striemengrasmäuse oder Krallenaffen, mit denen der 35-Jährige sich in seiner Promotion beschäftigte.

Die an diesen „Ausnahmen“ gewonnen Erkenntnisse genügen dem Biologen, um mir bei meiner Frage weiter zu helfen. „Auch wenn die Kinder längst weg sind, der Hormonhaushalt eines Krallenaffenvaters ist nie mehr so wie vorher“, erklärt er. „Und Hormone haben modellierende Effekte auf das Verhalten.“ Gilt das auch für den Menschen? Der Beweis stünde zwar noch aus, doch Schradin sieht keinen Grund, warum das beim Menschen anders sein sollte. Und er geht noch ein Stück weiter: „Ob durch Hormone oder Erfahrungen, ein väterliches Gehirn ist immer anders als das eines Junggesellen.“

Ich lege auf und suche nachdenklich noch ein wenig im Internet herum. Da fällt mir ein Satz ins Auge: „Vaterschaft kurbelt männliches Gehirn an“. Das klingt interessant. Es ist interessant. Denn Forscher von der Princeton University wiesen nach, dass bei Krallenaffenvätern die Neuronen im präfrontalen Kortex mehr Verbindungen mit benachbarten Nervenzellen eingehen. Der PFC ist so etwas wie die übergeordnete Kontrollinstanz im Denkorgan, er steuert unsere Handlungen und besitzt zentrale Bedeutung für das Gedächtnis. Außerdem: Je komplexer das präfrontale Neuronennetz geknüpft ist, desto intelligenter sein Besitzer. Leider gilt das bislang nur für Affen. Egal. Für mich steht fest: Vater werden ändert tatsächlich einiges. Vor allem wird man schlauer.

Quelle: ksta.de – 24.07.09 – Von Ulrich Kraft
Link zum Pressebericht: www .ksta.de/html/artikel/1218660713313.shtml

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