Kampf um die Tochter
Dienstag, November 22nd, 2011Die Iranerin Bahare Balvasi, 34, muss als Asylbewerberin in Augsburg leben. Ihr neunjähriges Kind wird in den Niederlanden seit Monaten von den Behörden festgehalten.
Es gibt Fotos, und gelegentlich ein kurzes Telefonat. Das ist alles, was der Iranerin Bahare Balvasi (34) von ihrer Tochter geblieben ist. Seit drei Monaten hat sie ihr Kind, die kleine Hasti, nicht mehr gesehen. Hunderte Kilometer trennen die Mutter und das neunjährige Mädchen. Die Mutter hat Asyl beantragt und sitzt in Augsburg fest. Die Tochter lebt zwangsweise bei einer Pflegefamilie in den Niederlanden. Der Augsburger Anwalt Yahya Farschtschi kümmert sich um den Fall. Er sagt, die Willkür niederländischer Ämter sei schuld an der Misere. Der Anwalt fürchtet, dass Mutter und Kind auf Dauer getrennt bleiben.
Ihre Augen sind gerötet. Bahare Balvasi hat viel geweint in den vergangenen Monaten, zu viel. Sie blickt lange auf ein Foto, das sie zusammen mit ihrer Tochter zeigt. Beide drücken ihre Köpfe fest aneinander und lachen. „Ich würde Hasti so gerne sehen“, sagt die Frau leise. „Was ist denn eine Mutter ohne ihre Tochter?“
Bahare Balvasi spricht gut Deutsch. Im Jahr 2005 flüchtet sie aus dem Iran nach Deutschland. 2008 kann sie dann, endlich, auch ihre Tochter hierher holen. Von ihrem iranischen Ehemann ist sie geschieden. Mutter und Tochter leben in Augsburg, hoffen darauf, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Doch dann macht die Mutter einen – aus heutiger Sicht – entscheidenden Fehler. Sie reist in die Niederlande und beantragt dort ebenfalls Asyl. Das ist verboten. Man darf innerhalb der Europäischen Union nur einmal einen Asylantrag stellen.
In den Niederlanden begann das Unglück
In den Niederlanden nimmt das Unglück seinen Lauf. Die Mutter leidet an Depressionen. Sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Für das niederländische Jugendamt ist das ein Grund, die kleine Hasti in einer Pflegefamilie unterzubringen. Die Mutter hat daran nichts auszusetzen. Sie kann ihre Tochter oft und lange besuchen. Sie glaubt auch, dass sie ihr Kind zurückbekommt, wenn es ihr wieder besser geht. Doch dazu kommt es nicht.
Denn die Ausländerbehörde tritt auf den Plan und ordnet an, dass Mutter und Tochter zurück nach Deutschland müssen. Bahare Balvasi sitzt zehn Tage in Abschiebehaft. Dann gibt ihr die Behörde genau 48 Stunden Zeit, um das Land zu verlassen. Die Ausländerbehörde sieht kein Problem darin, dass sie auch ihre Tochter mitnimmt.
Zurück in Deutschland geht das Drama jedoch weiter. Nun meldet sich der in den Niederlanden bestellte Vormund des Kindes zu Wort. Hasti müsse zurück in die niederländische Pflegefamilie, sagt er. Dort gehöre es hin. Um das zu verhindern, will das Augsburger Jugendamt einen deutschen Vormund bestellen. Das Familiengericht in Augsburg müsste das entscheiden. Es könnte verhindern, dass die kleine Hasti zurück in die Niederlande muss. Doch das Augsburger Gericht fühlt sich schlicht nicht zuständig.
Die Mutter muss hilflos zusehen
So kommt es, wie es kommen muss: Mitte Juli holt der niederländische Vormund das Kind in Augsburg wieder ab. Die Mutter muss hilflos zusehen, sie kann nichts tun. „Das Augsburger Jugendamt hätte die Herausgabe des Kindes verweigern können“, sagt Anwalt Yahya Farschtschi. „Aber das ist nicht geschehen.“ Seither sind Mutter und Tochter getrennt. Mit schlechten Aussichten, sich bald wiederzusehen. Bahare Balvasi sind die Hände gebunden. In den Niederlanden kann sie nicht selbst vor Gericht um ihre Tochter kämpfen. Als Asylbewerberin darf sie nicht in die Niederlande reisen.
Anwalt Yahya Farschtschi bewertet den Fall als „Skandal“. Das Kind werde seiner „familiären und kulturellen Identität“ beraubt. Die Trennung von Mutter und Kind sei unmenschlich. Auch der Rechtsanwalt des Kindes – er ist von den deutschen Behörden bestellt und nur den Interessen des Kindes verpflichtet – sieht das so. Das Mädchen sei Opfer eines Wirrwarrs unter den Behörden, meint er. Die Tochter gerate „unter die Räder“, schreibt er in einer offiziellen Stellungnahme. „Ihr Wille und ihre Bindung zur Mutter werden nicht berücksichtigt.“
Bahare Balvasi weiß sich nicht mehr zu helfen. Sie ist verzweifelt. Sie fühlt sich ohnmächtig dem Räderwerk der Behörden ausgeliefert. Ans Flüchtlingshilfwerk der Vereinten Nationen will sie sich wenden. Das sei ihre letzte Hoffnung, sagt sie. „Ich will Hasti so gerne mal wieder in den Arm nehmen.“
Quelle: augsburger-allgemeine.de – 24. Oktober 2011 – Von Jörg Heinzle
Link zmu Pressebericht: www .augsburger-allgemeine.de/augsburg/Kampf-um-die-Tochter-id17258146.html























