Stadt der gebrochenen Herzen

Nirgendwo in Ostwestfalen steigt die Zahl der Scheidungen so stark wie in Gütersloh

Gütersloh. Das verflixte siebte Jahr gibt es wirklich: Die meisten Paare lassen sich laut statistischem Landesamt nach dem fünften, sechsten oder siebten Ehejahr scheiden. Außerdem gaben die Beamten jetzt bekannt: Nachdem die Zahl der Scheidungen jahrelang gesunken ist, trennen sich seit 2008 wieder mehr Verheiratete. Und der Kreis Gütersloh ist neuerdings ein ostwestfälisches Mekka der Rosenkrieger.

Andreas Trylla ist mittlerweile Scheidungsanwalt. Als er Mitte der 1990er-Jahre in Gütersloh zu arbeiten anfing, hatten nur etwa 30 Prozent seiner Fälle mit zu tun – jetzt sind es wesentlich mehr als die Hälfte, meistens geht es um Scheidungen. Seit einigen Monaten steigt die Zahl der Trennungswilligen, die in seine Kanzlei kommen, wieder stärker an. “In der Wirtschaftskrise streiten die Leute eben um jeden Cent”, sagt der Jurist.

Was den Anstieg der Scheidungen angeht, ist Gütersloh Spitzenreiter in Ostwestfalen. Im gesamten Regierungsbezirk Detmold sind letztes Jahr etwa 270 Ehepaare mehr geschieden worden als 2007 – insgesamt rund 4.500. Und allein im Kreis Gütersloh trennten sich 111 Verheiratete mehr als im Vorjahr. Selbst im ebenfalls einwohnerstarken Kreis Lippe ist der Anstieg nur halb so stark.

“In der Stadt Gütersloh kam die Trendwende etwas verzögert”, sagt Standesamt-Leiterin Irmgard Mußmann. Doch der Umschwung ist genauso drastisch: Ließen sich im gesamten Jahr 2008 nur 158 Paare im Stadtgebiet scheiden, waren es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres schon mehr als 100.

Edmund Rammert, Direktor des Gütersloher Amtsgerichtes, begründet die derzeitige Trennungsneigung ebenfalls mit dem Konjunkturabschwung: “In der Krise gibt es auch mehr Zivilverfahren – in diesen Zeiten wird härter ums Geld gekämpft.” Schon 2008 verhandelten die Gütersloher Richter erheblich mehr Familienkonflikte als zuvor, darunter auch viele Scheidungen. Der Preis für eine hängt stark vom Einkommen der Ehepartner ab. Im Schnitt sind es laut statistischem Bundesamt rund 2.100 Euro. Den Antrag stellen in den meisten Fällen die Frauen. Der Grund dafür ist pragmatisch: Für Personen ohne Einkommen zahlt meist das Land NRW den Prozess. Und so kann die vergleichsweise günstig werden – wenn sich die Scheidungswilligen nicht noch über ihr Vermögen streiten.

“Aber ohne Kampf geht das praktisch nie über die Bühne”, sagt die Schuldnerberaterin Christa Kokentiedt. Hauptgrund für die Privatinsolvenz ihrer Kunden ist die Arbeitslosigkeit, danach kommt direkt die . Zwei Haushalte mit Kindern kosten eben auch fast doppelt so viel wie ein gemeinsamer Wohnraum. Auch in Kokentiedts Büro kommen mehr Frauen: “Ich will nicht sagen, dass Männer bei Geldproblemen den Kopf in den Sand stecken, aber die Frauen behalten schon eher den Überblick.” Außerdem sind Gläubiger bei alleinerziehenden Frauen oft kulanter – und einigen sich mit den frisch geschiedenen Damen außergerichtlich.

Quelle: nw-news.de – 16.07.2009 – Von JAN RÖSSMANN
Link zum Pressebericht: www .nw-news.de/lokale_news/guetersloh/guetersloh/3032201_Stadt_der_gebrochenen_Herzen.html

Bookmark Dienste: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Readster
  • Alltagz
  • Oneview
  • SEOigg
  • Maodi
  • Colivia
  • Infopirat
  • Linkarchiv
  • Linkarena
  • Webbrille
  • Tausendreporter
  • Newsrider
  • newskick
  • seekXL
  • Newstube
  • Weblinkr
  • Wikio DE
  • Propeller

Post to Twitter Post to Facebook Send Gmail Post to MySpace

Verwandte Artikel:


Geben Sie einen Kommentar ein