Nordrhein-W. (06.11.2009): Tausende Blaue Briefe vom Jugendamt
Kontrolle der Kinderarztbesuche läuft mit Fehlmeldungen an. Ärzte und Jugendämter in NRW kontrollieren mittlerweile, welche Kinder nicht zur freiwilligen Vorsorge kommen. Mehrere tausend Mahnbriefe sind bereits verschickt worden. Wer nicht reagiert, muss mit Besuch vom Jugendamt rechnen.
Die Blauen Briefe haben einen freundlichen, aber bestimmten Ton. Sie erinnern die Eltern daran, mit ihrem Kind zu den so genannten “Us”, den Früherkennungs-Untersuchungen zu gehen. Seit August sind vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (Liga) insgesamt 17.851 solcher Briefe an Eltern mit Kindern im Alter von sechs bis zwölf Monaten verschickt worden. Mehr als die Hälfte der Eltern habe daraufhin einen Arztbesuch zur “U5″ oder “U6″ nachgewiesen, so dass das Institut verbliebene 7.473 Fälle an die Jugendämter weitergeleitet habe, berichtet Martin Wilhelm Heuermann, Leiter der Liga-Abteilung “Gesunde Kindheit”. Das seien zehn Prozent aller Kinder dieser Altersstufe.
Das Institut ist angewiesen auf Meldungen der Kinderärzte, die gesetzlich verpflichtet sind mitzuteilen, wer zur “U” gekommen ist. Die Bielefelder gleichen diese Daten dann mit denen des Einwohnermeldeamtes ab und filtern die Schwänzer heraus. Abgearbeitet werden die Meldungen je nach Alter der Kinder. Am 1. November gehen wieder neue Blaue Briefe ‘raus, diesmal an die Eltern der Zweijährigen.
Ziel: Kinder besser vor Misshandlung schützen
Der Kölner Kinderarzt Timm Wedewardt zum Beispiel hat im Schnitt 25 Vorsorgen pro Woche, das macht hundert Meldungen im Monat nach Bielefeld. Das Porto zahlt das Institut, die Mehrarbeit haben jedoch seine Helferinnen. In seinem Stadtteil hat er zwar kaum Eltern, die nicht mit ihrem Nachwuchs zu den Untersuchungen kommen. Aber wie auch sein Dachverband, der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte, hält er das Prinzip für sinnvoll: “Der Mehraufwand ist durchaus gerechtfertigt.”
Die Meldepflicht ist seit 2007 im nordrhein-westfälischen “Heilberufegesetz” festgeschrieben. Ziel ist, Kinder vor möglicher Verwahrlosung und Misshandlung zu schützen. Das Verfahren lief Anfang dieses Jahres an. Bisher ist es noch nicht ausgereift, die Fehlerquote ist hoch. In machen Städten wie zum Beispiel Dortmund oder Heinsberg liegt sie bei 50 Prozent. “Es könnte besser laufen”, gibt Heuermann zu.
Viele Fehlmeldungen
Wenn also das Institut Liga mehr als 7.000 Fälle an die Jugendämter meldet, heißt das noch lange nicht, dass auch genauso viele Kinder ihre “U” verpasst haben. Oft überschneide sich die Post mit einem zwischenzeitlichen Arztbesuch, erklärt Heuermann. Oder Ärzte gäben keine Meldung ab oder betrieben regelrecht Sabotage, aus welchen Gründen auch immer. “Wenn Meldungen bewusst verschmiert oder zusammengetackert sind, kann man nicht mehr von Zufall reden”, beklagt der Experte.
Eltern beschweren sich
Regelmäßig gehen etwa beim Jugendamt Essen Beschwerden von Eltern ein, die fälschlicherweise angeschrieben wurden. Die Jugendämter reagieren nämlich ihrerseit auf die Meldung des Instituts, indem sie nochmal eine Ermahnung schicken und Hilfe bei der Erziehung anbieten, oder sogar mit Hausbesuchen “drohen”. “Die Verwaltungsfrau, die den Eltern sagen muss, weisen Sie bitte nach, dass Sie beim Arzt waren, muss sich einiges anhören”, sagt Ulrich Engelen vom Jugendamt Essen.
Beispiel Essen: 30 Hausbesuche
Die Essener Sozialpädagogen haben bisher 30 Familien besucht, die auf die Blauen Briefe nicht reagiert haben. Dabei stellte sich laut Engelen heraus, dass viele die Briefe einfach nicht lesen konnten, weil sie, ob Migranten oder Deutsche, ein zu niedriges Bildungsniveau haben. In zwei Fällen will das Jugendamt jetzt das Familiengericht anrufen, weil “die Tür nicht aufgemacht wurde”. “Wir konnten nicht aufklären, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt”, so Engelen. Er schätzt das Verfahren als “neuen Zugangsweg” zu Familien, mit denen das Amt sonst nicht in Kontakt gekommen wäre. Insgesamt gehen beim Jugendamt Essen im Jahr 800 Meldungen über ein mögliche “Kindeswohlgefährdung” ein.
Landesamt: Pro Jahr 90.000 Mahnschreiben
In den meisten anderen Bundesländern gibt es ähnliche Kontrollen der Vorsorgeuntersuchungen. Martin Wilhelm Heuermann schätzt, dass er in NRW pro Jahr 90.000 Erinnerungsschreiben verschicken wird. Allerdings ist die Masse schon kleiner geworden, wie er sagt. Möglicherweise machen mittlerweile mehr Ärzte mit und die Eltern sind disziplinierter geworden. Mittlerweile ist die Melde-Frist verlängert worden, damit es nicht mehr zu so vielen falschen Blauen Briefen kommt.
Quelle: wdr.de – 01.11.2009 – Von Marion Menne
Link zum Pressebericht: www .wdr.de/themen/politik/nrw02/kinder/mehr_schutz/091101.jhtml?rubrikenstyle=gesundheit
























Dezember 25th, 2010 um 22:47
Ulrich Engelen: Der Kinderklauprofi, halt einfach ihre blöde Fresse und verschwinde!