Nordrhein-W. (15.06.2010): Immer mehr Kinder im Heim
NRW Immer mehr junge Eltern sind mit ihrer neuen Rolle überfordert. Immer häufiger sind Jugendämter gezwungen einzugreifen und Kinder in Obhut zu nehmen. Eine Belastungsprobe für die Heime in Nordrhein-Westfalen.
„Wir arbeiten seit Jahren an unseren Kapazitätsgrenzen“, sagt Thomas Kißmann, stellvertretender Direktor der Jugendhilfe Werne, über die Auslastung des Kinderheimes seiner Stiftung. Auch das Familienministerium NRW kann einen Anstieg der Heimunterbringungen bestätigen.
„Die Jugendämter sind in den vergangenen Jahren vorsichtiger geworden“, erklärt Marion Schulte, Referentin für Kinder-, Jugend- und Erziehungshilfe im Caritasverband der Diözese Münster.
Der Grund hierfür ist nachvollziehbar. Immer wieder heizen Nachrichten die Kinderschutzdebatte an: Kind starb – vernachlässigt, misshandelt, verhungert oder zu Tode geprügelt. „Es lastet ein enormer Druck auf den Jugendämtern. Niemand will mit so einer Nachricht in den Medien stehen“, sagt Matthias Lehmkuhl, Referatsleiter im Landesjugendamt Westfalen. Neben dieser Sensibilisierung führte aber auch eine Änderung im Kinder- und Jugendhilfegesetz zu vermehrten Einsätzen. Seit 2005 sind öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten mit in die Meldepflicht genommen – mehr Hinweise, mehr Fälle.
Die gesellschaftlichen Entwicklungen führt Lehmkuhl als weitere wichtige Ursache an. Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer. „Arbeitslosigkeit, materielle Armut, alleinerziehende Haushalte, Migrationshintergrund sind Faktoren, die bei gehäuftem Auftreten eine höhere Wahrscheinlichkeit von Hilfebedarf auslösen.“
Laut Bodo Weirauch, Abteilungsleiter „Erzieherische Hilfe“ in Dortmund komme es tatsächlich vor, dass manche Eltern versuchen würden, ihr sechs Monate altes Baby mit Pommes zu füttern. „Manche jungen Menschen vergessen, dass mit einem Kind auch Verantwortung einhergeht.“ Viele Eltern seien bereits mit dem eigenständigen Leben überfordert.
„Wir nehmen bei uns viel massiver als früher Messie-Haushalte als Grund für eine Heimunterbringung wahr“, sagt Kißmann. Solche Lebenssituationen belasten die Kinder. „Seit unserer letzten Erhebung haben wir einen Anstieg von 19 Prozent bei der Zahl der Kinder mit psychischer Störung verbucht“, sagt Schulte für die 24 Einrichtungen in der Diözese Münster. „Viele Kinder kommen aus Familien mit Multiproblemlagen. Den Eltern fehlt häufig die Erziehungskompetenz.“
Für die Jugendämter geht es um den schmerzhaften Spagat zwischen der Sicherung des Kindeswohls und der eigenen Absicherung. „Das Jugendamt ist immer der Buhmann. Egal, ob das Kind aus der Familie genommen wird, oder ob es bleibt, und etwas passiert“, sagt Weirauch.
Quelle: halternerzeitung.de – 02.06.2010 – Von Bastian Schlange
Link zum Pressebericht: www .halternerzeitung.de/nachrichten/region/hierundheute/art1544,926082























