Brandenburg (03.08.2009): Fall Jennifer: Sorge um ihre Geschwister
Während sich Ärzte in der Eberswalder Kinderklinik um die neun Jahre lang von den Eltern versteckt gehaltene 13-jährige geistig behinderte Jennifer kümmern, sorgen sich Experten um ihre beiden Geschwister. Das elfjährige Mädchen und der 14-jährige Junge sind weiterhin bei den Eltern.
- Die Leiterin des Sozial-Therapeutischen Instituts BerlinBrandenburg, Annelie Dunand, kritisiert, dass die Geschwister bislang bei den Eltern bleiben dürfen. “Kinder, die solches Leid miterleben müssen, sind genauso betroffen wie die Opfer der Gewalt selbst” sagt Dunand. Es bestehe die Gefahr, dass eines der Kinder die “Aschenputtel-Rolle” der 13-jährigen Schwester übernehmen und Ähnliches erleiden müsste. Auch nach Ansicht von Katrin Hentze vom Deutschen Kinderschutzbund in Berlin muss sehr gründlich geprüft werden, ob die Kinder in der Familie gut aufgehoben sind. “Man muss sich die Beziehung zwischen den Eltern und den Kindern sehr genau ansehen”, so die Sozialpädagogin.
Nur so könne richtig entschieden werden, welche Hilfe die Familie benötigt, damit die Kinder geschützt aufwachsen können.
Eltern brachten Jennifer nie zum Arzt
Das Familiengericht hatte den Eltern das Sorgerecht über die vernachlässigte 13-Jährige teilweise entzogen, nachdem sie von den Behörden am 15. Juli nach neun Jahren der “Gefangenschaft” aus dem Haus geholt wurde. Das Mädchen trug Windeln, hatte kaum Zähne und zeigte autistisches Verhalten. Nach derzeitigen Erkenntnissen der Kreisverwaltung hatten die Eltern das Kind in der ganzen Zeit zu keinem Arzt gebracht.
Indessen wird die Kritik an den Behörden immer lauter. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung sprach von einem erschütternden Versagen der Ämter. Niemandem war aufgefallen, dass Jennifer nicht eingeschult wurde, 2005 war das Jugendamt zum ersten Mal im Haus, 2006 meldete ein Mitarbeiter nach einem Besuch der Familie Handlungsbedarf. Die Akte aber blieb einfach liegen, wie Landrat Klemens Schmitz (parteilos) im Interview mit der Berliner Morgenpost zugab. CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski forderte gestern, dass die Staatsanwaltschaft Neuruppin nicht nur gegen die Eltern ermitteln soll. “Der Staatsanwalt sollte angesichts des eklatanten Versagens vor allem des Jugendamtes Vorermittlungen gegen die Behörden prüfen”, sagte Dombrowski dieser Zeitung.
Nach Angaben des Leitenden Oberstaatsanwaltes Jürgen Schiermeyer würden gegen Vertreter der Verwaltung nur dann Ermittlungen aufgenommen, wenn die Untersuchungen “Anhaltspunkte einer Straftat” ergeben. Der Kinderschutzbund verweist auf andere Fälle, in denen auch gegen Behörden ermittelt wurde. Sozialpädagogin Katrin Hentze: “Das kann sich deshalb noch ändern.”
Nach dem erneuten Versagen der Behörden fordert Justizministerin Beate Blechinger (CDU) eine Landesaufsicht über die Jugendämter. “Es kann nicht sein, dass es keine Kontrolle über die Jugendämter gibt und keine Anweisungsmöglichkeit besteht”, sagte Blechinger der Berliner Morgenpost. Zudem beklagt die Justizministerin das Scheitern des geplanten Kinderschutzgesetzes durch die SPD-Bundestagsfraktion. Damit hätten rechtsverbindliche Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Erforderlich gewesen wäre die verstärkte Pflicht der Jugendämter zu Hausbesuchen in Familien, in denen Kinder von Gewalt bedroht sind. “Viele Fälle und jetzt auch das tragische Schicksal von Jennifer haben gezeigt, dass allein auf die Aussagen der Eltern kein Verlass ist.”
Landrat Klemens Schmitz hatte schwerwiegende Versäumnisse des Jugendamtes eingeräumt – und schließt personelle Konsequenzen nicht aus. CDU und Linke werfen ihm vor, die Verantwortung auf die Mitarbeiter abzuwälzen. Der Vorsitzende des uckermärkischen Kinder- und Jugendhilfeausschusses, Henryk Wichmann, verlangt: “Als Chef der Verwaltung muss er die Versäumnisse auf seine Kappe nehmen”. Wichmann hat für den 27. August eine Sondersitzung einberufen. Bis dahin will Schmitz die Fehler-Kette lückenlos aufzeigen, so zumindest seine Ankündigung.
“Schulanfänger-Daten abgleichen”
Nach Wichmanns Einschätzung hat das Jugendamt kein Personalproblem. “Es sind dort um die 70 Mitarbeiter tätig”. Bisher sei man zufrieden mit der Arbeit gewesen. CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski kann sich indes nicht vorstellen, “dass in einem Jugendamt, in dem solch eine Panne passiert, sonst alles in Ordnung ist”.
Vehement widerspricht er Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD), der Fall Jennifer könnte nicht mehr passieren. Laut Rupprecht ist seit 2005 sichergestellt, dass die Listen der Schulanfänger überprüft werden. “Was ist mit den Kindern, die wie Jennifer vor 2005 hätten eingeschult werden sollen?”, fragt Dombrowski. “Vielleicht gibt es noch mehr solcher Schicksale.” Seine Forderung: Gemeinden und Schulen sollten rückwirkend die Daten der Schulanfänger abgleichen. Die SPD hält die Idee für unausgegoren. Der Geschäftsführer der Landtagsfraktion, Thomas Kralinski, verweist auf Präventions-Initiativen wie das Netzwerk Gesunde Kinder und die Einladungen zu den Vorsorgeuntersuchungen. Eine Fachaufsicht über die Jugendämter hält die SPD nicht für erforderlich.
Quelle: morgenpost.de – 1. August 2009 – Von Gudrun Mallwitz
Link zum Pressebericht: www .morgenpost.de/printarchiv/brandenburg/article1142977/Fall_Jennifer_Sorge_um_ihre_Geschwister.html























