Ein Vater kämpft um sein Kind

Werdohl. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum neuen für ledige Väter hat der Unternehmer Ludwig Kirchhoff-Stewens mit besonderer Freude aufgenommen: Es gab ihm nicht nur das Vertrauen in die Behörden zurück, sondern macht ihm Mut, seinen Sohn (9 Monate) öfter sehen zu dürfen.

Er hätte nicht gedacht, dass es das wirklich gibt. Dass man plötzlich jemandem begegnet und man weiß: Das ist sie. Die große Liebe. Die Frau meines Lebens. Doch Ludwig Kirchhoff-Stewens aus Werdohl ist es passiert. Vor genau zwei Jahren stand sie vor ihm in der Rezeption eines Kölner Hotels: eine iranische Schönheit mit dunklen Augen und langen schwarzen Haaren. „Ich hab sie gesehen und war verliebt wie noch nie im Leben”, sagt der 45-Jährige. Schon kurze Zeit später waren die beiden ein Paar, sechs Monate danach war Nasrin* schwanger. „Es war wie im Film”, erinnert sich der Ingenieur. „Ich dachte damals, über uns könnte man wirklich einen Liebesfilm drehen.”

Verfilmen könnte man die Geschichte von Kirchhoff-Stewens heute immer noch. „Aber wohl eher als Horror-Thriller”, sagt der Geschäftsmann und versucht zu lächeln. Denn aus der großen Liebe ist „eine gruselige Zeit” geworden. Und ein Kampf. Ein Kampf um seinen Sohn.

Wenn er seine Geschichte erzählt, tut er es jedoch nicht mit Verbitterung. Schon längst nicht mit Hass. Wenn er das Kennenlernen schildert und die ersten Monate danach, dann strahlt er sogar noch, dann gerät er ins Schwärmen. „Ich war zwar 43, aber ich habe mich gefühlt wie mit 16. Ich habe gezittert und wurde rot, wenn sie in meiner Nähe war. Ich habe gar nicht gewusst, dass man so empfinden konnte. Und ich entdeckte meine romantische Seite.” Der Geschäftsmann, der Saxophon spielt und sich selbst als „alten Jazzer” bezeichnet, sang eigene Liebeslieder für sie und veröffentlichte sie im Internet, er schickte ihr Blumen nach Köln und sandte ihr selbst geschriebene Gedichte per Handy. Und schon nach wenigen Wochen war es ganz normal, dass die beiden von Kindern redeten. „Das war mein Traum”, sagt er. Schließlich hat er selbst drei Geschwister und stammt aus einer großen Familie mit einem „extremen Zusammenhalt über alle Generationen”, in der Zwist die große Ausnahme ist.

Und die beiden Frisch-Verliebten verband noch etwas anderes: Beide hatten aus ihren ersten Ehen eine achtjährige Tochter – die sich wiederum auf Anhieb mochten. „Ich sehe Nasrins Tochter noch vor mir, als wir sie das erste Mal in Köln trafen”, erzählt er. Da kam er mit seiner Tochter Franziska* aus dem Fahrstuhl – und das andere Mädchen stand mit ihrem Kaninchen auf dem Arm im Flur. „Das war solch ein bewegender Moment”, erinnert sich Kirchhoff-Stewens. Auch der, als die beiden Kinder sich kurze Zeit später so gut verstanden, dass sie wie Winnetou einen Pakt als echte „Blutsschwestern” schlossen. Deshalb war bei beiden auch die Freude groß, dass noch ein weiteres Geschwisterkind hinzukommen würde.

Nur bei Nasrin kippte die Stimmung. Gleich drei Tage, nachdem sie ihrem Partner von der Schwangerschaft erzählt hatte, schien sie plötzlich Existenzängste zu bekommen. „Sie sagte, sie hätte keine Sicherheit und dass sie das Kind abtreiben lassen wollte”, schildert Kirchhoff-Stewens. Spontan schrieb er eine Lebensversicherung auf sie um, sicherte ihr zu, sie sofort zu heiraten, sobald die bevorstehende vollzogen sei. Doch das reichte ihr nicht aus: Sie legte ihm einen – bereits von einem Anwalt ausgearbeiteten – Vertrag mit einer Versorgungszusage vor. „Sie hat gesagt, wenn ich nicht unterschreibe, lässt sie das Kind abtreiben”, so der 45-Jährige. Da war sie schon im dritten Monat. Und Kirchhoff-Stewens unterschrieb. „Ich war panisch vor Angst.” Im August zog Nasrin mit ihrer Tochter schließlich zu ihm nach Werdohl. Drei Monate, bevor das gemeinsame Kind zur Welt kommen sollte. Doch die Frau wollte mehr. „Ich sollte ihr das Haus überschreiben – dabei ging das gar nicht, weil es ja noch gar nicht abbezahlt ist.” Das erste Mal stutzig geworden sei er erst, als er – mit Blick auf die größere Familie – seinen Audi gegen einen Renault Laguna eintauschte. „Da hat sie sich aufgeregt, dass es kein BMW ist. Sie habe sich einen X5 vorgestellt”, sagt er kopfschüttelnd. Doch im Gegensatz zu ihr legte er keinen Wert auf das Statussymbol – erst recht nicht in Zeiten der Wirtschaftskrise, in der in seinem Unternehmen Kurzarbeit angesagt war und Kirchhoff-Stewens darum kämpfte, keinen seiner 90 Mitarbeiter zu entlassen.

Nasrins Unzufriedenheit wuchs jedoch – selbst als am 11. November Sohn Albert* zur Welt kam. „Sie sagte manchmal Sachen wie: „Scheiß Werdohl’ und ‘Scheiß Kopftücher’”, erinnert sich der Mann. Doch ernsthafte Sorgen um die Beziehung machte er sich nicht. „Ich dachte, das ist die Hormonumstellung nach der Geburt und dass man so etwas mit viel Liebe hinkriegt.”

Dann kam der 11. Dezember – genau vier Wochen nach Alberts Geburt. Ein Freitag – und Ludwig Kirchhoff-Stewens kam abends mit Franziska nach Hause. „Alles war hell erleuchtet”, erinnert er sich. Doch als er das Haus betrat, wusste er sofort, was passiert war: „Der Kaninchenstall war weg.” Und mit ihm Nasrin und ihre Tochter und diverse Sachen. Der Mann weiß nicht mehr, was er gedacht hat in dem Moment, was er gesagt hat. Aber er weiß, dass er sich mit Franziska auf die Couch gesetzt hat, dass beide geweint und gegenseitig versucht haben, sich zu trösten.

Erst am Sonntag gelang es ihm, Nasrin auf dem Handy zu erreichen. Tage später telefonierte er noch einmal mit ihr – und nahm das Gespräch auf, weil er nicht fassen konnte, was sie ihm immer wieder sagte: Dass sie 5000 Euro „als Blitzbuchung” sofort von ihm wolle, falls er Albert noch einmal sehen wolle und dass er seinen Sohn „gar nicht verdient” habe.

Erst zwei Monate später, nach vielen Briefen zwischen Anwälten und Verhandlungen vor , durfte er sein Kind das erste Mal wieder in den Armen halten – im Beisein einer Umgangspflegerin. Inzwischen hat ihm das zugestanden, den Jungen auch alleine sehen zu dürfen. Einmal in der Woche darf er ihn abholen und mit ihm zum Babyschwimmen fahren. Gesprochen hat Nasrin seitdem nicht mehr mit ihm. Doch über die Motive ihres Handelns grübelt er längst nicht mehr. „Knete” vermutet er. Und dass sie es bewusst auf eine Beziehung angelegt habe, als sie seine Visitenkarte und den Zusatz „Geschäftsführender Gesellschafter” gelesen habe. Nasrin selbst wollte sich gegenüber der Redaktion nicht äußern.

Dass ihre erste Ehe mit einem Chirurgen nur vier Wochen dauerte – und sie ihn verließ, kaum dass sie schwanger war – hat Kirchhoff-Stewens erst jetzt erfahren, nachdem er Kontakt mit dem Ex-Mann aufgenommen hatte. Doch bei aller Enttäuschung bemüht er sich noch immer um Verständnis. „Sie ist nicht nur Täterin, sie ist auch Opfer”, sagt er über die Frau, die aus einer Familie stamme, in der viel Gewalt geherrscht habe. Auch deshalb hat er Angst um seinen Sohn. Auch deshalb hofft er nun, dass ihm nach dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen wird. Von „Gerechtigkeit” möchte er in diesem Zusammenhang nicht reden. „Das klingt zu pathetisch.” Aber dass er jenem Vater, der jene Gesetzesänderung veranlasst habe, „dankbar” sei und er nun wieder „Vertrauen in die Behörden” bekommen habe.

Sein Kampf wird dennoch weitergehen: Darum, dass er mit Hilfe des gemeinsamen Sorgerechts den Jungen nicht nur öfter sehen darf, sondern dass er künftig auch Auskunft erhält von Kinderärzten, Erzieherinnen und Lehrern. Doch eines ist für ihn nach all dem, was geschehen ist, ganz wichtig. „Ich kämpfe nicht gegen die Mutter”, sagt er. „Ich kämpfe für mein Kind.”

Quelle: derwesten.de – 23.08.2010 – Katja Sponholz
Link zum Presebericht: www .derwesten.de/wr/westfalen/Ein-Vater-kaempft-um-sein-Kind-id3599220.html

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