Brandenburg (01.10.2010): Jugendamt – Mitarbeiter in Angst
Mehr Kinder in Heimen
Weil sie aufgrund von Medienberichten über vernachlässigte Kinder Angst vor eigenen Fehlern hatten, haben die Mitarbeiter des Jugendamtes im zweiten Halbjahr 2009 häufiger stationäre Unterbringungen anstelle ambulanter Familienbetreuungen veranlasst als zuvor. Das sagte Sozialdezernentin Elona Müller am Dienstag auf einer Tagung der Fachstelle Kinderschutz. Laut Jugendamtsleiter Norbert Schweers hat sich der Anstieg in einer Größenordnung von bis zu 15 Fällen bewegt. Pro Jahr betreut das Jugendamt rund 200 Fälle, bei denen die Kinder in ein Heim, eine Wohngruppe oder eine Pflegefamilie kommen. Etwa 40 Kinder werden dabei gegen den Willen der Eltern aus den Familien herausgenommen, weil Gefahr für sie im Verzug ist.
Ob während des Anstiegs Kinder zu früh oder grundlos von ihren Familien getrennt wurden, wollte Müller nicht sagen. „Wir haben die Entscheidungen nicht im Nachhinein überprüft“, so die Beigeordnete. Die Öffentlichkeit wisse nicht, wie schwierig Sozialarbeit sei. Da gelte es, großen Druck auszuhalten. In der Furcht, bei problematischen Familienverhältnissen eines Tages von einem Eklat zu lesen und die Frage zu hören, warum denn das Jugendamt die Kinder bei den Eltern gelassen hatte, hätten die Mitarbeiter nach dem Motto „Lieber raus“ gehandelt. Müller wollte dieses Verhalten nicht kritisieren: „Kinderschutz geht vor, auch wenn es ums Geld geht.“ Man könne nicht potenzielle Gefahren am Budget festmachen. Insgesamt hatte das Jugendamt im zweiten Halbjahr 2009 einen Anstieg aller Fälle – ambulanter und stationärer – um etwa 200 zu verkraften.
Nachdem der Anstieg aufgefallen sei, hätten Gespräche mit den Mitarbeitern stattgefunden. „Einige sind auf unser Angebot zu Trainingsmaßnahmen oder Supervision eingegangen. Wir wollten damit erreichen, dass sie in ihren Urteilen wieder stabil werden“, sagte die Beigeordnete. Auch, weil zwei neue Mitarbeiter eingestellt werden konnten, zu denen ab Januar mindestens zwei weitere kommen sollen, sei dies geglückt: „Wir sind ausreichend gut aufgestellt.“ Wie Norbert Schweers sagte, sind seit Juni 2010 die stationären Unterbringungen von Kindern seit langer Zeit sogar wieder zurückgegangen.
Müller konnte der Aufmerksamkeit der Medien in puncto Vernachlässigung und Kindesmissbrauch auch etwas Positives abgewinnen: Die Berichte hätten zu mehr Hinweisen von Nachbarn, Ärzten und Kitas an das Jugendamt geführt. 2008 gab es 231 Tipps, 2009 rund 200. „Wir wollen und brauchen diese Hinweise“, stellte Müller fest. „Das hat nichts mit Spitzeldiensten zu tun, sondern mit sozialer Aufmerksamkeit.“ Es habe nicht nur anonyme Hinweise gegeben.
Quelle: maerkischeallgemeine.de – 30.09.2010 – (Von Sebastian Scholze)
Link zum Pressebericht: www .maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11904522/60709/Mehr-Kinder-in-Heimen-Jugendamt-Mitarbeiter-in-Angst.html























