Bindung, die Kreise zieht
Kinderschutz im Spannungsfeld zwischen Intervention und frühen Hilfen: Nach den erschütternden Todesfällen von Kevin, Jessica oder Lara, die bundesweit Aufsehen erregten, ist es aber nicht allein das Thema, das den Kongress am Donnerstag bei der Frankfurter BHF-Bank-Stiftung zum Bersten füllte. Es ist vor allem sie, die die Massen anzieht, sagt Achim Vandreike, Geschäftsführer der Stiftung: Martha Erickson. Professorin an der Universität Minnesota, die vor 23 Jahren die wohl bedeutendste Langzeitstudie von Eltern-Kind-Beziehungen in Hochrisikofamilien begonnen und mit ihrem Kollegen Byron Egeland daraus das Hilfeprogramm Steep entwickelt hat. Ein Ansatz der Wellen schlägt, von den USA bis Frankfurt, und der simplen Maxime folgt, stabile Bindung ist der beste Kinderschutz.
Eine Erkenntnis mit langer Vorgeschichte: Zehn Jahre lang hat sie als junge Frau mit Kindern und Familien gearbeitet, erzählt Martha Erickson. “Ich habe Kinder mit schwersten emotionalen Störungen erlebt, die dann rausgenommen wurden aus Familien, Schulen, ihrem sozialen Umfeld.” Die Kinder galten als Problem. Sie begann, über Prävention nachzudenken. Und als sie in den 70ern – selbst gerade Mutter von zwei Kleinkindern – wieder an die Uni ging, begann sie, allgemeingültige Faktoren herauszufiltern, die es braucht, damit selbst problembeladene Eltern gut für ihre Kinder sorgen können. Und umgekehrt untersuchte sie, was Kinder für einen guten Start ins Leben brauchen.
Ihre Forschungen wurden zur groß angelegten Langzeitstudie und zum durchschlagenden Beweis, wie fundamental frühe Mutter-Kind-Bindungen fürs Kindeswohl sind. Nicht genug für die einstige Frau der Praxis: “Es ist hart, wenn man Probleme erklären kann, aber betroffenen Familien nicht helfen.” So ist Steep entstanden. Ein Hilfepaket, das Mütter in eine Elterngruppe integriert und gleichzeitig persönliche Begleitung zu Hause bietet. Dreh- und Angelpunkt dabei sind Videoaufnahmen von Alltagssituationen im Umgang mit dem Kind. Mütter analysieren sie mit der Steep-Beraterin und filtern positive Verhaltensmuster heraus. Eine intensive, auf zwei Jahre angelegte und auch kostspielige Betreuung, sagt Martha Erickson. Aber eine, die sich angesichts steigender Kosten für Heimunterbringung und für Resozialisierungsangebote auf lange Sicht rechne.
Wie wirksam Steep ist hat auch Gerhard Suess, Professor für angewandte Wissenschaften in Hamburg untersucht. Er setzt Steep in Deutschland um. Bei seinen Projektteilnehmern haben 71 Prozent stabile Eltern-Kind-Beziehungen aufgebaut, während die “Normalzahl” bei Mittelschichtsfamilien bei 49,9 Prozent liege.
15 Sozialpädagoginnen aus 13 Frankfurter Einrichtungen durchlaufen zurzeit unter Suess- Fittichen die umfangreiche Ausbildung zur Steep-Beraterin. Mit 70000 Euro finanziert die BHF-Bank-Stiftung das Training nebst Supervision. Anschubfinanzierung, sagt Stiftungschef Vandreike. Er hofft, dass Steep absehbar als Regelangebot wie andere Hilfen zur Erziehung von der Stadt finanziert wird. In Hamburg, wo Suess neben München und Offenburg gleichfalls Projekte betreut, ist das schon gelungen, sagt er. Das Amt für Jugend finanziere Steep als eigenständige Hilfeform, die Familien wie andere Angebote der Hilfen zur Erziehung oder der sozialpädagogischen Familienhilfe “verordnet” werden. “Ein freier Träger, der die Anerkennung vom Landesjugendamt hat, übernimmt die Aufgabe.”
Der Weg sei auch in Frankfurt wünschenswert, sagen Suess und Erickson. “Es geht nicht darum, dass alle jetzt Steep machen. Aber es ist wichtig, dass ein Netzwerk von allen möglichen Programmen und Hilfen entsteht und dass man sich austauscht, um so effektiv und gut wie möglich mit Eltern arbeiten zu können.”
Quelle: fr-online.de – 18.07.2009
Link zum Pressebericht: http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/frankfurt/1839205_Hilfe-fuer-Kinder-Bindung-die-Kreise-zieht.html























