Bayern (10.08.2010): Hilfe für Kinder leidet unter Bürokratie
Gemeinsam gestalten, doch nicht an einem Strang ziehen
NÜRNBERG – Das »Soziale Frühwarnsystem« soll Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung schützen. Das ist bitter nötig, wie steigende Zahlen von Inobhutnahmen zeigen. Doch das wichtige Netzwerk leidet massiv unter Rangeleien zwischen Jugend- und Gesundheitsamt.
Fred-Jürgen Beier, Chef des Gesundheitsamtes, verstand im jüngsten Jugendhilfeausschuss die Welt nicht mehr. Die CSU hatte in einem Dringlichkeitsantrag die Verwaltung gebeten zu erklären, warum das »Frühwarnsystem« mit weniger Geld auskommen muss als geplant. Die Ausgaben waren 2009 auf 500.000 Euro gedeckelt worden, tatsächlich bekamen Jugend- und Gesundheitsamt 2010 nur 186.000 Euro (wie berichtet).
Beratung per Hotline
Das Jugendamt reagierte auf den CSU-Antrag mit einer Vorlage, in der es gleich mal seine finanziellen Wünsche für 2011 anmeldet. Mit Beier abgesprochen war das nicht. Und das, obwohl er 24 Stunden zuvor mit Jugendamtsleiter Rudolf Reimüller an einem Tisch gesessen war.
Beier wurde im Jugendhilfeausschuss von den finanziellen Forderungen des Jugendamts überrumpelt. Zumal diese üppig ausfallen und den Bedarf des Gesundheitsamtes nicht berücksichtigen: Allein für Personal möchte Reimüller vom Stadtrat 370.000 Euro, für Sachmittel 183.000 Euro. Abzüglich von Landeszuschüssen wünscht sich das Jugendamt 483.000 Euro, also fast das Dreifache des Betrags, der 2010 für beide Ämter zur Verfügung stand.
Zur Erinnerung: Das »Frühwarnsystem« ist ein gemeinsames Vorhaben beider Ämter. Die Koordinierte Kinderschutzstelle in der Reutersbrunnenstraße ist die zentrale Anlaufstelle, sie bündelt Maßnahmen und stemmt eine Hotline, die Eltern und Fachleute im Einzelfall berät (231-3333). Um Gefahren für das Kindeswohl möglichst früh zu erkennen, sollen im »Frühwarnsystem« Kinderärzte, Hebammen und Allgemeiner Sozialdienst immer enger zusammenarbeiten.
Eineinhalb Stellen für zwei Krankenschwestern
Wichtigster Beitrag des Gesundheitsamtes sind die Aufsuchenden Gesundheitshilfen: Kinderkrankenschwestern unterstützen Eltern daheim bei der Betreuung ihres Neugeborenen. Der Bedarf ist enorm, seit Herbst 2009 waren es 203 Fälle. »Aber wir haben viel zu wenig Personal«, klagt Beier. Drei Krankenschwesterstellen und ein Arzt waren 2008 geplant, tatsächlich teilen sich zwei Krankenschwestern eineinhalb Stellen, einen Arzt gibt es gar nicht. Umso erzürnter war Beier über das Vorpreschen des Jugendamtes. »Es bringt doch nichts, wenn das Jugendamt in Zeiten knapper Kassen Maximalforderungen stellt.« Man müsse vielmehr an einem Strang ziehen, um politische Unterstützung zu bekommen.
Rudolf Reimüller kommentiert die Aufregung nüchtern: »Das Gesundheitsamt muss seine Personalstellen selber beantragen.« Sein Amt fordere nur ein, was auch nötig sei, um das »Frühwarnsystem« am Leben zu erhalten. »Derzeit sind wir mit der finanziellen Ausstattung nicht zufrieden.« Reimüller ficht auch nicht an, dass Kämmerer Harald Riedel die gewünschte Summe von 483.000 Euro für unrealistisch hält. Im Gegenteil setzt Reimüller noch eins drauf und erklärt: »Die Deckelung auf 500.000 Euro gibt es doch nicht mehr.«
Beier ist das neu. Auch die Stadträte im Jugendhilfeausschuss hatten Mühe, die Zahlen des Jugendamtes nachzuvollziehen. »Für uns ist nur klar, dass wir ohne zusätzliche Stunden für eine Krankenschwester und einen Arzt nicht mehr lange durchhalten«, sagt Beier, der sich aber beeilt nachzuschieben, dass die inhaltliche Zusammenarbeit der Mitarbeiter beider Ämter gut funktioniere. Wie zu hören ist, gibt es aber im Jugendamt durchaus Befürchtungen, dass sich medizinisches Personal zu sehr in seine Aufgaben einmischen könnte.
Quelle: gestern.nordbayern.de – 31.07.2010 – Ute Möller
Link zum Pressebericht: gestern.nordbayern.de/artikel.asp?art=1270725&kat=120























