Baden-Württ. (28.08.2009): Am Kinderschutz soll gespart werden
Stuttgart – Erst vor kurzem hat der qualvolle Tod eines verhungerten dreijährigen Mädchens im fränkischen Thalmässing Schlagzeilen gemacht. Heute beginnt vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen eine Mutter aus Schorndorf, die im Mai ihre beiden vier und fünf Jahre alten Kinder ertränkt haben soll. Und dies sind keine Einzelfälle, ganz im Gegenteil: Die Zahl von Kindesmisshandlungen steigt, auch in Stuttgart.
873 Fälle von Kindesmisshandlungen listet das Jugendamt der Landeshauptstadt in seinem Geschäftsbericht für das Jahr 2008 auf. Das sind 76 Kinder mehr als im Jahr zuvor – und 322 mehr als noch vor drei Jahren. Was diesen Kindern angetan wurde, reicht von körperlicher und seelischer Gewalt über Vernachlässigung beim Essen, bei der Gesundheit, bei der Fürsorge schlechthin bis hin zu sexuellen Übergriffen: hier wurden 73 Fälle bekannt.
Durch die zunehmende Arbeitslosigkeit nimmt die Armut in den Familien zu: 3727 Haushalte mit Kindern haben im vergangenen Jahr Sozialleistungen bezogen – das sind fast 500 mehr als im Vorjahr. Dass sich bei vielen Familien die Lebensbedingungen existenziell verschärft haben, bekommen auch die Mitarbeiter des Jugendamts zu spüren. Denn immer mehr Familien sind mit ihrer Lebenssituation überfordert und werden mit Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt. Im Jahr 2008 waren dies 8103 Familien – das sind fast 1100 mehr als im Jahr zuvor und fast 1700 mehr als im Jahr 2006.
Diese Entwicklung hat zur Folge, dass nicht nur die Mitarbeiter des Jugendamts immer stärker belastet werden, gleiches gilt auch für die Familiengerichte. 156 mal wurden diese im Jahr 2008 angerufen. In 93 Fällen veranlassten sie Maßnahmen zum Entzug der elterlichen Sorge – eine Steigerung um fast ein Drittel im Vergleich zum Jahr zuvor. Entsprechend stiegen daher auch die Übertragungen des Personensorgerechts auf das Jugendamt (83 Fälle).
Föll fährt Sparkurs
Die Aufgaben für das Jugendamt sind also nicht weniger, sondern mehr geworden. Doch wegen der Wirtschaftskrise hat Kämmerer Michael Föll (CDU) jetzt allen Referaten einen harten Sparkurs von rund zehn Prozent verordnet. Der trifft auch das Sozialreferat – und somit das Jugendamt. 6,1 Millionen Euro sollen hier eingespart werden, irgendwie. Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch (FDP) ist nicht begeistert. Es ist die vierte Haushaltskonsolidierung in ihrer Amtszeit. “Wir starten vom Knochen und nicht von der Fettschürze”, sagt sie und verweist darauf, dass in den vergangenen zwei Jahren der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in der Stadt um ein Viertel gestiegen sei.
Mit internen Umschichtungen sei nichts mehr zu holen: “Jetzt müssen wir Aufgaben abbauen”, sagt die Sozialbürgermeisterin. 43 Stellen muss das Jugendamt einsparen. Doch wo? Bei der Erziehungsberatung? Bei der Vermittlung von Jugendhilfemaßnahmen? Etwa durch eine weitere Reduzierung der Mitarbeiter beim Allgemeinen Sozialdienst? Das wären rechnerisch 15 Stellen weniger, doch genau diese Mitarbeiter haben die Aufgabe, zu schauen, dass beim Kinderschutz alles rund läuft in den Familien. Und dass Fälle wie der der verhungerten Lea-Sophie verhindert werden.
Bei den Kitas wird nicht gespart
Die Kitas sind vom Sparkurs zwar ausgeklammert. Die Bildung größerer Gruppen lässt die Betriebserlaubnis nicht zu – bisher. Doch für die Umsetzung der neuen Qualitätsstandards und des Einsteinprogramms reicht die Personaldecke schon jetzt nicht aus, für Werbemaßnahmen zur Akquise von Erzieherinnen fehlt ohnehin das Geld, und die Qualifizierung der Erzieherinnen für das Einsteinprogramm hat die Stadt freiwillig finanziert.
Hinzu kommt die Zusatzbelastung der Kitas durch die neuen Einschulungsuntersuchungen, über die die Ratsgremien bisher noch gar nicht diskutiert haben. Und auch die Sprachförderung für Kitagruppen mit hohem Migrantenanteil ist bisher eine freiwillige Leistung der Stadt.
Bis Anfang September erarbeiten alle Ämter Vorschlagslisten für die Streichung von Aufgaben – so auch das Jugendamt. “Wir zeigen, was das bedeuten würde”, kündigt Müller-Trimbusch an. Mit ihrem Vorschlag, ämterübergreifend Prioritäten zu setzen statt alle mit der gleichen Sparauflage zu belegen, konnte sie sich nicht durchsetzen. Doch eine Hoffnung hat sie: “Ich setze auf die Weisheit des Gemeinderats.”
Quelle: stuttgarter-zeitung.de – 25.08.2009 – Von Inge Jacobs
Link zum Pressebericht: www .stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2173571_0_9223_-sozialpolitik-am-kinderschutz-soll-gespart-werden.html























