Als Vater Kraft aus der eigenen Vergangenheit schöpfen
Ein Familientherapeut ermuntert Männer zu einer gelebten Vaterschaft
Der eigene Vater – Traurigkeit schwingt mit in den Erinnerungen an ihn, Bitterkeit, weil er die Erwartungen des Kindes nie so richtig erfüllt hat. Weil er da war und dann doch wieder nicht. Weil er seinen Sohn stark sehen wollte, ohne ihn stark zu machen.
Aber es liegt auch viel Kraft in diesen Erinnerungen – wenn man sich darauf konzentriert, was sich daraus Konstruktives entwickelt hat. Diesen Ansatz verfolgt der Diplom-Pädagoge Ansgar Röhrbein, der im nordrhein-westfälischen Lüdenscheid in einem Kinderschutzzentrum arbeitet und in Magdeburg am Institut für systemische Forschung, Therapie und Beratung Therapeuten mit ausbildet. Er hat ein Buch geschrieben, mit dem er Vätern dabei helfen will, ihre Rolle mit Leidenschaft auszufüllen (“Mit Lust und Liebe Vater sein”, Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2010). Dieses stellte er vergangene Woche zum Auftakt einer Vortragsreihe an der Universität Magdeburg vor.
Röhrbein ermuntert Väter zunächst zu einem Blick auf die eigene Familiengeschichte: Wie wurde beispielsweise der Vater durch den Großvater geprägt? Röhrbein erinnert sich an Sätze wie “zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl, flink wie Windhunde”. Wer als Junge nach solchen Maßstäben erzogen wurde, dem falle es möglicherweise schwer, selbst Lob zu vergeben.
Sich dies zu vergegenwärtigen, öffnet den Weg zum Verstehen des eigenen Vaters. Und dazu, Kraft aus der Vergangenheit zu schöpfen, indem man sich auf Positives besinnt: Welche schönen Momente hatte man mit dem Vater? Und was kann man daraus heute für die eigene Vaterrolle ableiten?
Der 44-jährige Röhrbein, seit 22 Jahren verheiratet und Vater zweier Söhne sowie einer Tochter, vertritt die systemische Familientherapie: Der Mensch wird in Wechselwirkung mit seiner Umgebung und seinen Bezugspersonen betrachtet. Wenn Röhrbein gebeten wird, einem Vater Tipps zu geben, dann fragt er erst einmal zurück: Was haben Sie erlebt, worauf können Sie aufbauen? “Wir haben eine Art Hebammen-Funktion”, sagt der Therapeut. “Wir verhelfen Menschen in ihr Leben.”
Das überträgt der Lüdenscheider auf die Erziehung. Als Vater möchte er seine Kinder dabei begleiten, die Welt zu entdecken. Aber er möchte auch weiterhin Ehemann sein, und vor allem: er selbst. Röhrbein folgt dem Ansatz, zuerst für sich selbst zu sorgen, dann für den Partner und zuletzt für das Kind. Wer sich selbst stets zurücknimmt, müsse bedenken: Wenn der eigene Akku im Keller ist, hat im Endeffekt niemand etwas davon.
Der Pädagoge mahnt dazu, die Partnerschaft nicht zu vernachlässigen. Eltern sollten sich als Team begreifen und dem Motto folgen: Gemeinsam sind wir stark. Zugleich gelte es, einander Freiräume zu schaffen. Röhrbein weiß dabei um die Schwierigkeit von Vätern, ihren eigenen Platz zu finden: Nie fühlt Mann sich überflüssiger, als wenn Frau das Kind stillt. Aber auch Väter, so Röhrbein, könnten wichtige Parts übernehmen und beispielsweise nachts für das Kind aufstehen.
Mit einer gelebten Vaterschaft, wie Röhrbein sie propagiert, träfen Männer allerdings oft vor allem außerhalb der Familie auf Widerstände: Selten lasse sich die berufliche Tätigkeit so einteilen, dass Zeit für Kinder bleibt. In Deutschland ist Teilzeit für Männer noch immer eine Randerscheinung.
Wenn es trotz aller guten Absichten einmal kracht zwischen Vater und Mutter oder Vater und Kind, dann rät Röhrbein wieder zu einem Blick auf die eigenen Eltern. Irgendwo, da ist sich der Therapeut sicher, ruht in jedem das Bild einer erfolgreichen Versöhnung.
Quelle: volksstimme.de – 06.04.2010 – Von Philipp Hoffmann
Link zum Pressebericht: www .volksstimme.de/vsm/nachrichten/meinung_und_debatte/meinung_und_debatte/?em_cnt=1676784























