Alleinstehende Mutter ist trotz Arbeit arm
Meist gibt es nur eine dünne Suppe
NÜRNBERG -Sie putzen, kellnern und hämmern, und verdienen trotzdem nicht mehr als jeder Hartz-IV-Empfänger: In einer Serie stellt die Wirtschaftsredaktion Überlebenskünstler vor, die trotz Arbeit am Existenzminimum kratzen.
Drollige Löwenbabys und stolze Tiger starren von den Wänden der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung von Elisa Tauber (Name geändert). Eingesperrt hinter Glasplatten, auf acht Tausend-Teile-Puzzles. Mutig, bissig, mahnen sie die Hausherrin täglich, es den Raubkatzen gleich zu tun.
Beim Puzzeln ergibt Plackerei Sinn
Puzzeln ist Taubers Leidenschaft. Sie setzt Teil für Teil zusammen und sieht, dass die Plackerei einen Sinn ergibt – ein Bild, das die kahlen Wände belebt. Die gelernte Metzgerin brachte vier Kinder zur Welt und startete immer wieder neu ins Berufsleben. 2002 dann nahm sie einen Job als Putzfrau an, reinigte Büros, schrubbte Böden auf den Knien.
Der Chef schien zufrieden: Nach ihrem Erziehungsurlaub für die vierjährige Tochter, während dem sie immer wieder im Büro nach dem Wischeimer gegriffen hatte, bot ihr der Unternehmer eine Sekretärinnenstelle an. Jetzt darf die 40-Jährige Flugblätter, CDs und Visitenkarten bedrucken. «Ich konnte nicht glauben, dass er so viel Vertrauen in mich hatte«, sagt Tauber, «das war ein Aufstieg wie vom Tellerwäscher zum Millionär.« Der Arbeitgeber bezahlt ihr auch einen PC-Kurs.
Drei Kinder müssen ernährt werden
Die Teilzeitstelle bringt Elisa Tauber 542€ im Monat ein. Davon muss sie zwei Töchter im Alter von vier und elf Jahren und einen 19-jährigen Sohn ernähren. Die älteste Tochter (20 Jahre) steht auf eigenen Beinen. Der Sohn verdient zwar mit einem Minijob 400€. Doch wird dieses Geld als Familieneinkommen gewertet, weshalb die Mutter über die Hartz-IV-Grenze kommt und somit von der Arge keine zusätzlichen Zuwendungen erhält.
Damit erhält Tauber auch nur einen Wohngeldzuschuss. Ihre Miete wird nicht, wie bei Hartz-IV-Empfängern, komplett von der Arge übernommen. Mit dem Mietanteil bleiben ihr nicht mehr als 20€ am Tag. Davon kauft sie Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel, Schulsachen. Die Familienmutter nimmt nur Großpackungen bei Discountern, kocht alles selbst. Meist gibt es dünne Suppe oder einfachen Pfannkuchen. «Das Schlimmste ist, dass ich den Kleinen nicht einmal ein kleines Taschengeld geben kann«, klagt Tauber.
Medikamente schlagen zu Buche
Dazu kommen noch monatlich rund zehn € für Medikamente. Nach dem Tod ihres ersten Ehemanns, als Tauber gerade mit ihrem vierten Kind schwanger war, wuchs ihr ein Tumor an der Schilddrüse. Nach der Behandlung musste sie langsam wieder sprechen lernen, ihre Stimmbänder trainieren. Der Arzt schrieb sie nach vier Monaten schon wieder gesund, damit sie schrubben gehen konnte. «Zu Hause wäre ich depressiv geworden.«
Mit dem zweiten Ehemann lebte sie in der Schonhoverstraße, wo der Putz von den Wänden kam und die Ecken schimmelten. Als er zu trinken begann, trennte sie sich von ihm. Unterhalt habe sie nie erhalten «denn er zahlt schon für zwei Kinder«.
Enge Neubauwohnung
2007 zog die vaterlose Familie in die enge Neubauwohnung. So wie die Puzzle-Wanddekoration ist alles improvisiert: Über Kleinanzeigen in einer Gratiszeitung ergatterte Tauber für 100€ eine Couch, die ihr zugleich auch als Bett dient. Zwei Kleiderschränke bekam sie für 90€. Ihre Küche holte sie im Gewerbehof ab – mit Herd und Arbeitsplatte alles in allem 220€. Tauber erhielt auch von außen viel Unterstützung: Nachbarn schenkten Möbel und Haushaltsgegenstände. Mit einer Spende der Sigmund-Schuckert-Stiftung richtete sie das Zimmer für die zwei Mädchen ein.
Zusätzlich Geld zu verdienen, lohnt sich für Tauber kaum: Nicht nur das Mini-Gehalt des Sohnes, sondern auch das Weihnachtsgeld, das ihr Chef für gute Dienste gezahlt hatte, dampfte die Behörden ein. Noch einmal wird er es wohl nicht zahlen. «Wie soll ich da eigentlich für die Zukunft sparen?«, fragt Tauber und spielt mit ihrer silbernen Halskette.
Der Traum vom Urlaub
Trotzdem hat sie noch Träume: «Eine Pilsbar eröffnen. Und wenigstens einmal Urlaub machen. Zwei Wochen im Sommer, irgendwohin fahren, wo es warm ist.« Dann würde sie auch ihre echte «Raubkatze« in Obhut geben: das neunmonatige, schwarz-weiße Kätzchen Lucy. (Der nächste Teil unserer Serie stellt eine irakische Familie vor, die auf Sozialleistungen verzichten muss)
Quelle: altmuehl-bote.de – 25.7.2009 – Von Petra Sorge
Link zum Pressebericht: www .altmuehl-bote.de/artikel.asp?art=1057875&kat=5&man=10























